27. Juli 2020 Armin Hoyer

Einmal Wüste und zurück | Test der neuen Honda CRF1100L Africa Twin Adventure Sports im Süden Sardiniens

Armin on Honda CRF1100L Africa Twin Adventure Sports | Photo: Armin Hoyer - arminonbike.com

Costa Verde | Sardinien – Die Honda Africa Twin erhielt in diesem Jahr ein umfangreiches Upgrade. Grund genug für mich, die Neuauflage des erfolgreichen Adventure Bikes auf zum Teil unbefestigten Straßen im Südwesten Sardiniens zu testen. Die abenteuerliche Tour führte mich bis in die Dünen von Piscinas…

Der offizielle Honda-Motorradhändler von Cagliari Motostore Srl stellte mir für einen Tag die Honda CRF1100L Africa Twin Adventure Sports ES DCT zur Verfügung. Es handelte sich dabei um die mit Doppelkupplungsgetriebe und elektronischen Fahrwerk (SHOWA EERA) ausgestattete Variante der Reiseenduro. Nach kurzer Erklärung des Bikes durch Rossano ging es los in Richtung Westen. Ich hatte mir als Testgebiet die unberührte Costa Verde ausgesucht, die mit ihren unbefestigten Straßen und weitläufigen Dünen ein passendes Umfeld für ein Adventure Bike wie die Africa Twin bot.

SEHR AUSGEREIFTES AUTOMATIKSCHALTGETRIEBE DCT

Die Anfahrt bis Arbus verlief auf ziemlich gerader Strecke. Das gab mir die Zeit, mich mit dem Doppelkupplungsgetriebe (DCT) der Africa Twin zu beschäftigten, welches komplett ohne Schalt- und Kupplungshebel auskommt. Das Automatikgetriebe funktioniert wie folgt: Beim Start des Motorrades befindet sich das Getriebe in der Stellung „N“. Mit dem zentralen Kippschalter auf der rechten Lenkerarmatur schaltet man zuerst auf die Drive-Funktion „D-S“ und fährt dann nur durch Drehen des Gasgriffs los.

Im AT-Modus (automatische Schaltung) kann man zwischen „D“ und drei Stufen „S“ wählen, die jeweils die Schaltzeitpunkte beeinflussen. Von sehr frühem Schalten in „D“ bis zu sehr spätem Schalten in „S3“. Für mich hat sich mit der Stufe „S1“ das Mittelmaß als optimale Einstellung herausgestellt. Die Schaltvorgänge liefen sehr geschmeidig ohne jeglichem Ruckeln ab, auch das Zurückschalten bei schnellem Verzögern funktionierte einwandfrei.

Sobald es in Richtung Offroad ging, betätigte ich den Schalter „A-M“, um in den MT-Modus (manuelle Schaltung) zu wechseln. Dadurch wurde es mir möglich, die Gänge auf der linken Lenkerarmatur mit Zeigefinger und Daumen selbst rauf und runter zu schalten. Auch dies war stets problemlos möglich und gab mir im Gelände ein sicheres Gefühl.

DAS EHEMALIGE BERGBAUDORF INGURTOSU

Ab Arbus begann der kurvige Teil der Strecke. Die Africa Twin lenkte bereitwillig ein und war trotz ihrem fahrfertigen Gewicht von 250 kg auch im engen Kurvengeschlängel sehr leichtfüßig zu bewegen. Nach 8 Kilometern bog ich von der SS126 rechts in Richtung Ingurtosu ab. Kurz vor Erreichen der Ortschaft hatte ich erstmals Blick aufs Mittelmeer. Die Gegend entwickelte sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts zu einem wichtigen Bergbauzentrum. In den Minen von Gennamari und Ingurtosu wurden Blei, Zink und Silber abgebaut. Zentrales Bauwerk ist der 2001 renovierte „Palazzo della Direzione“, in dem sich die Verwaltung der Minen befand.

Der Höhepunkt der Aktivitäten mit rund 2.500 Mitarbeitern wurde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreicht, heute ist Ingurtosu ein verlassenes Dorf. Entlang der Straße Richtung Meer zeugen eine Vielzahl von Ruinen von den damaligen Aktivitäten. Die größte befindet sich im Ortsteil Naracauli und ist eine ehemalige Minenwaschanlage, die ab dem Jahr 1900 zum Waschen und Trennen des Gesteins eingesetzt wurde. Dort endet auch die asphaltierte Straße und verläuft unbefestigt Richtung Strand weiter.

Auf dem 6,5 Zoll großen farbigen TFT-Touchscreen der Africa Twin ist mit Apple CarPlay auch die Nutzung eines iPhone möglich, welches über die USB-Schnittstelle mittels Kabel mit dem Bike verbunden werden muss. Ich nutzte es zum Navigieren mit Google Maps. Etwas gestört hat mich, dass dies nur in Kombination mit einem verbundenen Bluetooth-Headset möglich war, das ich zum Navigieren nicht benötigt hätte. Als nachteilig stellte sich auch heraus, dass während der Nutzung von Apple CarPlay wichtige Informationen wie zum Beispiel Drehzahl und Tankinhalt nicht am Display angezeigt wurden.

UPGRADES IN VIELEN BEREICHEN

Der flüssigkeitsgekühlte Zweizylinder-SOHC-Viertakt-Reihenmotor der Honda Africa Twin wurde auf 1.084 cm³ vergrößert. Dies wurde durch Verlängerung des Hubs von 75,1 mm auf 81,5 mm erreicht und damit die Leistung auf 102 PS und das Drehmoment auf 105 Nm gesteigert. Es war jederzeit ausreichend Leistung vorhanden, der Durchzug auch aus dem unteren Drehzahlbereich sehr gut.

Zentral im Bike integriert ist die Inertial Measurement Unit (IMU) des Typs MM7.10 von Bosch. Dieses sechsachsige Messsystem erfasst in Echtzeit die räumliche Lage des Bikes und steuert damit Traktions- und Schlupfkontrolle des Hinterrades, Wheelie-Control, Kurven-ABS sowie die Kurvenerkennung des Doppelkupplungsgetriebes (DCT).

In meinem Testmotorrad war auch die optional erhältliche elektronische Fahrwerkregelung Showa EERA (Electronically Equipped Ride Adjustment) verbaut, mit der die Dämpfung an den jeweiligen Fahrmodus angepasst wird und damit für mehr Fahrkomfort bei niedrigeren Geschwindigkeiten und mehr Stabilität bei höherem Tempo sorgt. Für die hintere Federvorspannung gibt es die vier Standardeinstellungen „Fahrer“, „Fahrer mit Gepäck“, „Fahrer mit Sozius“ und „Fahrer mit Sozius und Gepäck“. Darüber hinaus kann die Dämpfung und Federvorspannung auch in 24 Stufen feineingestellt werden.

DIE DÜNEN VON PISCINAS

Die „Dune di Piscinas“ zählt zu den größten Dünen Europas und wurde von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt. Über rund zwei Quadratkilometer erstreckt sich die ockergelbe Wüste und gilt mit dem traumhaften Strand als Juwel der Costa Verde. Die vom Mistral geformten Dünen werden bis zu 100 Meter hoch und erstrecken sich bis zwei Kilometer ins Landesinnere. Umrandet werden sie vom Grün der typischen mediterranen Flora. Meeresschildkröten legen in diesem Naturparadies ihre Eier am Ufer ab.

Um mit dem Motorrad näher an die Dünen heranzukommen, bog ich bei einer Weggabelung rechts ab und verließ damit den direkten Weg zum Strand von Piscinas. Aufgrund der 250 mm Bodenfreiheit der Africa Twin Adventure Sports konnte ich die Wasserdurchfahrt auf der offiziellen Straße mit nahezu trockenen Schuhen passieren. Zur besseren Erreichbarkeit des Bodens wurde die Sitzhöhe auf 850 bis 870 mm und die Breite des Sitzes um 40 mm reduziert.

Auf Höhe des Rio Piscinas verlies ich die SP4 in Richtung Strand. Mehrmals querte ich den rostroten Fluss, dessen Farbe auf Eisen zurückzuführen ist, bis ich dessen Mündung ins Meer erreichte. Die Traktion des serienmäßigen Straßenreifens Bridgestone Battlax Adventurecross Tourer AX41T kam auf den unbefestigten Wegen auf Sand und Schotter an seine Grenzen. Ich hatte einige Vorderradrutscher, die jedoch aufgrund meiner vorsichtigen Fahrweise problemlos zu meistern waren.

Ganz vorbei war es mit der Traktion dann aber nach wenigen Metern in der Düne. Es gab im Sand plötzlich kein vor und zurück mehr. Aufgrund der Windstille herrschte große Hitze und mein Wasservorrat war am Ende. Da half mir auch der ausreichend gefüllte 24,8 Liter-Tank der Africa Twin nicht weiter. Bei jedem Fahrversuch grub sich der Hinterreifen weiter in den Sand ein, auch Schieben war unmöglich. Es waren keine Menschen an diesem unwirklich anmutenden Ort zu sehen, von Telefonempfang ganz zu schweigen.

Zum Glück konnte ich am etwas entfernten Strand und bei einem einsam geparkten Campingbus Elia und Massimo um Hilfe bitten. Nur mit vereinten Kräften schafften wir es, das Motorrad aus der Düne zu bergen. Die Frau von Massimo hatte zum Glück eine große Wasserflasche für mich – auf diesem Wege nochmals vielen Dank an alle Beteiligten. Nach einem netten Gespräch, machte ich mich auf den Weg zurück nach Cagliari.

ARMIN ON BIKE CONCLUSIO

Mit der neu entwickelten CRF1100L Africa Twin Adventure Sports ist Honda eine noch komfortablere Reiseenduro gelungen. Mit dem großen Tank, der eine Reichweite von bis zu 500 km ermöglicht, und der aufrechteren Sitzposition ist sie bestens für die Langstrecke geeignet. Tempomat, Heizgriffe, verstellbares Windschild und die erweiterte Frontverkleidung steigern zusätzlich den Komfort. Aufgrund der unterschiedlichen Fahrmodi ist ein breites Einsatzgebiet möglich. Sollte es einmal in Richtung Offroad-Abenteuer gehen, stellt nur die Serienbereifung eine gewisse Einschränkung dar. Hier kann aber zum Beispiel ein Metzeler Karoo 3 leicht Abhilfe schaffen, der neben der besseren Offroad-Performance auch sehr gut für die Straße geeignet ist.

Text, Fotos und Video: Armin Hoyer – arminonbike.com

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